31. Sonntagsdemo: Mahnwache Moria So. 13.09.2020 18.00 Uhr Marktplatz Dornbirn

RednerInnen
Peter Mennel
Susanne Winder
Daniela Egger

Musik
Marco Meyer (Hang)

Rund 250 BesucherInnen haben sich am Dornbirner Marktplatz eingefunden, um ein klares Zeichen gegen die humanitäre Katastrophe im Flüchtlingscamp Moria zu setzen. Die Veranstalter der Bewegung uns reicht´s waren sehr zufrieden mit dem regen Zuspruch zur friedlichen Mahnwache trotz Kommunalwahl, Wanderwetter uns sehr kurzem Vorlauf. In enger Abstimmung mit den Behörden wurde darauf geachtet, dass die Corona-Abstände eingehalten wurden.

Text von Peter Mennel
Der Psychiater Viktor Frankl hat aus seinen Erfahrungen im Konzentrationslager heraus die Logotherapie und Existenzanalyse entwickelt. Ein wesentliches Element darin ist die Freiheit des Menschen, innehalten, nachdenken und wählen zu können. Sie macht seine Würde und seine Fähigkeit aus, Krisen zu bewältigen. Die meisten von uns haben heute gewählt – politisch. Wir alle haben heute auch vielfach gewählt – aus dem Reichtum der Möglichkeiten, den das Leben uns hier tagtäglich bietet. Die Menschen in Moria hatten kaum mehr die Freiheit, in ihrem Herkunftsland zu wählen – weder politisch noch in ihrer alltäglichen Lebensgestaltung. Darum sind sie geflohen. Nun haben sie praktisch gar keine Freiheit mehr zu wählen: wo sie schlafen, ob und was sie essen und trinken, wo sie aufs Klo gehen. Alles wurde ihnen genommen. Ihnen wird keine Freiheit mehr zuerkannt, und schon lange keine Würde mehr.

Für Viktor Frankl ist Freiheit unmittelbar verbunden mit Verantwortung. Verantwortung dafür, wie das eigene Handeln sich auf einen selbst, auf die Mitwelt und Umwelt auswirkt. Verantwortung hat mit Antwort zu tun – Antworten zu geben auf die Fragen, die das Leben uns stellt. In den vergangenen Monaten hat die Coronakrise dazu geführt, dass wir uns vor allem um unser eigenes Leben gekümmert haben. Die anderen Themen wie die Klimakrise und die Flüchtlingskrise sind in den Hintergrund getreten. Die Brände in Moria sind eine schreiende Anfrage des Lebens an uns, wieder Antwort zu geben, Verantwortung zu übernehmen über unseren Tellerrand hinaus.

Die EU und die österreichische Regierung haben die Verantwortung für die Menschen auf Lesbos seit Monaten und Jahren zugeschüttet. Der Integrationsexperte Gerald Knaus spricht von der am besten dokumentierten und angekündigten humanitären Katastrophe. Der Journalist Thomas von der Osten-Sacken von der NGO „Stand By Me Lesvos“ schreibt: „Eine Katastrophe spielt sich hier eigentlich schon seit Monaten ab. Das Camp ist seit einem halben Jahr im Lockdown, es gab immer wieder äußerst kritische Situationen, Gewalt, Feuer. Die Menschen lebten hier in Zelten ohne fließend Wasser, mit offenen Feuerstellen – und das Ganze in einem völlig überfüllten Lager. Wie in einem Slum. Er schreibt weiter: So etwas darf es in Europa nicht geben. Die wahren Brandstifter sitzen in Brüssel, in Berlin oder in Rom. Die europäische Politik wusste, was passieren wird. Allen war klar, dass es so nicht weitergehen kann und dass das Lager geräumt werden muss.“

Außenminister Schallenberg argumentiert das Mauern der österreichischen Regierung mit dem Pulleffekt. Die Logik der Politik des „Pulleffekts“ bedeutet laut Gerald Knaus, dass aufgrund des Stopps von Abschiebungen, von Rückführungen und Asylverfahren seit März sämtliche Männer, Frauen und Kinder auf alle Ewigkeit auf den Inseln festgehalten werden müssen – wegen der Abschreckung. Das ist für ihn eine Art Guantanamo für Flüchtlinge.  Da ändern auch die 400 Zelte, die Österreich schickt, nichts. Laut Knaus zeigen die Erfahrungen, dass es sehr wohl möglich ist, Menschen aus Lesbos in europäische Länder zu holen, ohne dass ein Pulleffekt eintritt.

Ich zitiere zum Schluss das dritte Mal V. Frankl. Er unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Formen des menschlichen Handelns, das sich durch alle Gesellschaftsschichten und Parteien durchzieht: das anständige und unanständige Handeln. Österreichs Politiker hatten und haben die Freiheit zu wählen, wie sie auf die Anfrage aus Lesbos antworten – wie sie Verantwortung tragen. Schallenberg, Blümel, Kurz, Nehammer und in Vorarlberg Christoph Bitschi antworten mit populistischen Ausreden. Sie antworten mit rechtspopulistischen Kalkül. Sie antworten mit einer unerträglichen Gefühlskälte und Hartherzigkeit. Sie antworten mit einen Zynismus, den sie brauchen, um jegliches Mitgefühl ersticken zu können. Sie antworten mit einer Haltung, die die viertausend Jahre alte Tradition des Menschenanstands, der die ägyptische, jüdische und christliche Kultur geprägt hat, in den Dreck wirft. Wir sind stehen heute hier, um unserer Wut und unserer Fassungslosigkeit über diese Haltung Ausdruck zu verleihen. Und wir stehen heute hier, um mit BürgerInnen, BürgermeisterInnen, PolitikerInnen und NGOs zu zeigen, dass Österreich auch anders ist: mit Anstand, mit Mitgefühl und mit Verantwortung für Menschen in Not.

Wir fordern, dass die Menschen in Moria wieder die Freiheit für die Gestaltung ihres Lebens und ihrer Zukunft zurückerhalten. Wir fordern – und wollen dabei mithelfen – dass Menschen aus Moria auch in Österreich die Freiheit erhalten, ihre Fähigkeiten einsetzen zu können in Verantwortung für sich selbst, für ihre Familien und für unsere Gesellschaft.

Text von Daniela Egger
Ich wollte für heute einen Text schreiben und habe keine Worte gefunden. Schon gar keine Sätze.
Das kommt nicht so häufig vor, dass mir nichts einfällt, eigentlich nur, wenn ich wirklich verzweifelt bin. Dann fällt mir nur noch das Steine werfen ein – und weiß doch wohin diese Art von Eskalation führt. Also keine Steine.

Lieber das Schweigen einer Mahnwache.

Etwas gibt es aber doch zu sagen – immer mehr Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aller möglichen Parteizugehörigkeiten zeigen sich und stellen sich gegen die türkise Hardcore-Haltung. Sie bieten Platz für Menschen aus Moira an – zögerlich, für harmlose Kinder nur, aber doch. Und es werden immer mehr. Selbst die Krone fordert schon mehr Menschlichkeit. Zumindest das sollte jedem ÖVP-Wähler zu denken geben.
Es muss noch mehr Menschen in dieser Regierungspartei geben, die einen Notfall von einer Erpressung unterscheiden können. Wo immer ihr seid – es ist Zeit sich zu zeigen.
Ich lese von Kreuzfahrtschiffen die derzeit verschrottet werden, weil ihr Aufenthalt in den Häfen teuer ist. Tausende Zimmer mit Quarantänemöglichkeiten, Sanitäranlangen und Schutz. Sicherheit und Versorgung für die Zeit, bis das Ansuchen dieser Menschen bearbeitet wird. Es ist alles da, man muss nur wollen.
Und noch etwas, weil es wichtig ist: Wer sich entemotionalisiert, wie Herr Minister Schallenberg zu verlangen beliebt, der ist das ganz schnell auch gegen die Schwachen im eigenen Land. Dann dauert es nicht lange, bis uns die Senioren egal sind, die mit der Mindestpension entweder heizen oder essen, aber nicht beides. Die Langzeitarbeitslosen sind dann auch irgendwann verzichtbar und mit ihnen noch viele andere. Dieser Art von Kälte entkommt am Ende niemand.
Wir brauchen andere Menschen in den Regierungen weltweit, solche, die das Wort Klimawandel intellektuell erfassen und seine Bedeutung bis zu Ende denken können.
Wenn Katastrophen und Migrationsbewegungen erst so richtig Fahrt aufnehmen, brauchen wir beherzte Menschen mit Weitblick – weil wir sonst weltweit Gefahr laufen, alles zu verlieren. Wir stehen heute vielleicht hier für 12.000 Menschen in Not, aber im Grunde stehen wir hier für uns alle. Es geht um weit mehr.

Unsere Demonstrationen, Mahnwachen und Spendengelder sind vielleicht nicht viel.

Aber sie müssen sein, so oft und so zahlreich wie möglich.

Text von Susanne Winder – Moria
Moria ist abgebrannt. 
Moria war das größte Flüchtlingslager Europas, errichtet für 2800 Flüchtlinge.
Zuletzt lebten dort fast 13.000 Menschen.
13.000 Menschen, die jetzt nichts mehr haben als das nackte Leben.

Jahrelang haben die Regierungen der europäischen Länder zugeschaut und nicht geholfen. 
Jetzt sagen sogar Politiker, die das mitgetragen haben: 
Es ist „erbärmlich, dass die EU so lange zugeschaut hat“. 
Das sind Worte der Erkenntnis, immerhin. 
Aber Worte machen nicht satt.
Worte geben kein Dach über dem Kopf. 
Worte ermöglichen kein menschenwürdiges Leben.

Und: Diese Worte stimmen ja gar nicht. 
Die EU hat nicht zugeschaut, sie hat weggeschaut. 
Sie hat sich blind gestellt für die Not der Menschen, mit zynischen Argumenten.
Sie hat sich taub gemacht für die verzweifelten Stimmen, 
die an uns, 
an unsere Mitmenschlichkeit, 
an unsere Barmherzigkeit, 
appelliert haben. 

Und: Es war nicht nur „die EU“.
In den letzten Monaten haben auch viele von uns nicht mehr hingeschaut. 
Beschäftigt waren wir, mit Corona und den Herausforderungen, 
die das Virus für unser Leben mit sich gebracht hat.
Es war einfacher, die Augen zusammenzukneifen.
Es war einfacher, die Ohren zu verschließen. 
Es war einfacher, das Elend in Moria auszublenden, 
das Wissen darum aus unseren Köpfen verscheuchen. 
Es schien weniger Kraft zu kosten, die Herzen zu verschließen.

Aber: 
Wer sich zu lange unberührbar macht und nicht hinschaut, wird blind. 
Blind für das Unrecht, blind für den Schmerz der Menschen, blind für das Leben. 
Wer sich unerreichbar macht und nicht hinhört, wird taub. 
Taub für die Stimmen der anderen, taub auch für die Stimmen aus dem eigenen Inneren. 
Wer sich unerreichbar macht für die Not anderer, verliert auch sich selbst. 

Ein Weckruf ist dieser Brand in Moria. 
Ein Weckruf für uns alle.
Es ist höchste Zeit, aufzuwachen.  
Es ist höchste Zeit, wieder hinzuschauen, 
die Not unserer Schwestern und Brüder zu sehen. 
Es ist höchste Zeit, wieder hinzuhören, ihr Schreien und Rufen zu hören.
Es ist allerhöchste Zeit, wieder laut zu sagen, wie falsch das alles ist. 

Helfen wir. Jetzt.

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